Sonntag, 14. September 2008

Neue Perspektiven


Hätte ich geahnt, was diese paar aufeinander gepappten Steine an positiver Atmosphäre und neuen Elan mit sich bringen, hätte ich bereits zu unserem ersten Date einen Sack Mörtel mitgebracht. Den hätte man dann ja spielerisch ins Treffen einbauen können und ein Gesprächsthema wäre dadurch auch entstanden. Wie ist die Zusammensetzung des Materials? Warst Du gut in Chemie? Woher stammt er? Mussten Kinder dafür leiden? Könnte man ihn nicht als alternative Energie nutzen? Was sagst Du zum Ölpreis? Und Bush? Wird Al Gore uns in eine besser Welt führen? Und wie gehts Bono damit? Wird er jetzt hoffenlich kein Album mehr machen? Kennst Du irgendwelche Bauarbeiter-Songs? Warum wird dieses Thema nicht endlich von einem der zahllosen Singer-Songwriter aufgegriffen? Und so weiter. Endlos hätte man sich mit dem Sack Mörtel beschäftigen können. Trägst Du ihn mir nach Hause? Zu mir oder zu Dir? Alles wär da drin gewesen in den paar Kilo Sand.
Aber das konnte man ja im Vorfeld nicht wissen. Heute morgen sagt mein lieber verschlafener Freund plötzlich zu mir, dass wir Schlösser in die neuen Türen einbauen müssen. Damit wir sie abschließen können und unsere Sachen in dem Zimmer bunkern können, wenn wir die Wohnung vermieten, um länger ins Ausland zu ziehen. Ich war dermaßen erschüttert von der Tatsache, dass er diese Möglichkeit auch nur erwägt, dass ich fast aus dem Bett gekullert bin. Wir? Weggehen? Ins Ausland? Die Wohnung vermieten? DIESE Wohnung? Mit der er praktisch verwachsen ist? Dazu muss man sagen, dass er die 120m2 Wohnung vor 17 Jahren nicht gerade im jetzigen Zustand übernommen hat. An den Wänden hingen scheußliche Tapeten, der Boden war zugepflastert mit vor sich hin schimmelnden Teppichboden, in der Küche stand ein alter Ofen, der Balkon war mit einem tonnenschweren Eisengitter verrammelt, die Stoffleitungen standen aus der Wand und am Klo war ein Taubennest. Mit Eiern. Keine Heizung und die Fenster und Türen waren in Babykackgelb gestrichen.
Er hat sie aufgrund des billigen Preises trotzdem genommen und ein Jahr seines Lebens rein gesteckt, um die einzelnen Zimmer bewohnbar zu machen. Kaum war das geschehen, wurde er übermütig. Wie es so seine Art ist, sobald was funktioniert. Statt es ruhig zu genießen, noch eins drauf setzen, um zu sehen, was geht.
Zuerst hat er, der praktisch in einem Hasenstall aufgewachsen ist, die Wand, die wir gerade wieder aufbauen eingerissen. Er dachte, er bleibt ewig ein 23-jähriger Single und wollte ein riesen Zimmer mit Platz für seine Platten und Partys, den Rest will ich gar nicht wissen. Aus dem jetzigen Schlafzimmer hat er ein russisches Existenzialistenzimmer gemacht. Ein Teil komplett rot, einer komplett schwarz. Das er dann aber nie genutzt hat. Weil er einfach nicht wusste, was er darin machen sollte. Und weils ihm wahrscheinlich auch ein wenig unheimlich war.


Auf jeden Fall hängt er an seiner Wohnung. Egal, welche Lebenspartner kamen und gingen, egal, ob er dann doch wenig später ein Kind bekommen hat, sie wurden alle an die Räume angepasst. Nicht umgekehrt.
Das hat mich anfangs am meisten gestresst. Ein Mann, der schon ein Kind hat, ist ohnehin angehängt. Wenn er zwei Wochen pro Monat Alleinerziehend ist sowieso. Wenn er dann noch einen Job hat, bei dem er angestellt ist, sollte er auch hie und da dort erscheinen. Und dann noch diese Wohnung, die eine unverrückbare, unveränderbare Tatsache war. Irgendwie war mein Spielraum von vornherein ziemlich eingeschränkt. Da hieß es auch, anpassen, statt passend zu machen.
Ich bin ja kein großer Second-Hand-Fan. Außer hie und da bei Möbeln, aber sonst kann ich bei meinen Kleidern auf den leicht modrigen Geruch und die Phantasien, wer da schon was darin gemacht hat, verzichten. Ich mag nix aus zweiter Hand. Am liebsten wäre es mir, meine Lebenspartner wären an dem Tag des ersten Kennenlernens gerade erst auf die Welt gekommen.
Der Gedanke, im selben Bett zu schlafen wie andere vor mir, in denselben Zimmer zu wohnen, das war mir zuviel. Deshalb hab ich wie es so MEINE Art ist, sofort damit begonnen, Unruhe zu stiften. Überzeugungsarbeit, permanentes Zulabern und Argumentieren. Ein steter Tropfen höhlt jeden Stein. Daher die Entscheidung, wieder zwei Zimmer aus dem einen Riesending zu machen und mir dadurch ein eigenes zu bauen.
Und jetzt?! Plötzlich sieht er uns gemeinsam monatelang in Italien, Frankreich, wo auch immer es uns hinverschlägt. Ich wage mir gar nicht vorzustellen, welche Bandbreite an neuen Möglichkeiten sich noch eröffnen könnte. Was kommt als nächstes? Werde ich ihn dabei überraschen, wie er die finsteren dunklen Bücherregale doch in einem freundlichen weiß lackiert? Die grellen Küchenstühle endlich weggibt? Den orangen Stuhl im Vorzimmer entsorgt? Seine geliebte R5 Todesmaschine gegen einen neueren, sichereren Wagen eintauscht? Naja. Für alles gibt es Grenzen.
Aber man wird ja noch träumen dürfen.

2 Kommentare:

lunika hat gesagt…

wow, die mauer ist ja perfekt, vor allem der abschluss mit der decke, sehr professionell alles!

man ist schwer beeindruckt hier in der wohnung, in der heute eine nicht mehr zu schließende tür abgebaut und stattdessen eine buddha-decke aufgehängt wurde. aus demselben grund wie der mauerbau. und erstaunlicherweise führen sogar diese paar stoffmaschen schon nahe ans ziel - wie muss das erst mit ziegeln sein...

das geld für den weissen lack, die neuen küchenstühle und das sichere auto würde ich lieber sparen - für zwei sichere flugtickets. weil aus erfahrung ganz neu aufbauen viel leichter ist als mühsames renovieren...

und endlich hat euch das fernweh auch gefunden, sind sich die schwestern doch ähnlicher als gedacht!

sigi hat gesagt…

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