Dienstag, 28. Oktober 2008

Zurück in die Zukunft


Viel ist in der letzten Woche passiert und man weiß gar nicht mehr, wohin man zuerst erbrechen möchte.
In den USA wird mit viel Pech eine irre Hockey-Mum mit dem Cosmopoliten-faktor eines iranischen Mullahs die neue Präsidentin (mal ehrlich, diese Gesichtsfarbe und der alte Gummihandschuh, der Augen und Mund mühsam zusammenhält...McCain ist ein Cyborg, der irgendwann in seine Bestandteile zerfallen wird und dann hamma des Gscher.)
Die Finanzkrise hat Island vernichtet und alle Welt fragt sich, wo Björk eigentlich steckt, wenn man sie mal braucht?! Kann sie die Insel nicht mit ihrem Taschengeld einfach aufkaufen? Von wegen all is full of love...

In Österreich findet die Noch-Innenministerin nix dabei, wenn einer vom Burschenschafter-Pöbel 3. Nationalratspräsident einer Nation wird, die er eigentlich ablehnt. Besonders genial ihre heutige Aussage während der Debatte, dass ja nicht Graf derjenige sei, der Holocaustleugner einladen und abfeiern würde, nein, es sei lediglich der Verein und er sei eben Mitglied. Pah, dieser widerliche Verein! Ich sehe Graf direkt vor mir wie er während Irvings Vortrag seine Ohren zuhält und verzweifelt laut ein Lied singt, um ihm nicht zuhören zu müssen. Wenn man Fekters Theorie auf andere "Vereine" umlegen würde, bräuchten wir auch kein Verbotsgesetz mehr, gegen das der Martin Graf ja immer schon gewettert hat. Nicht die Nazis waren die bösen, nein, dieser schreckliche Verein, dem sie angehörten, puh, der war das wahre Schwein.

Ja, es geht rückwärts in diesem Land, mit Turbo Boost, wie Michael Knight sagen würde. Nur ohne seine coole Ray-Ban und Lederjacke. Höchstens das Hasselhoffsche Alkoholproblem haben wir mit ihm gemein.
Wie gesagt, viel passiert und am besten sind solche Veränderungen ja immer greifbar, wenn sie das eigene Leben betreffen. Zu diesem Zwecke hat der Allwissende uns wahrscheinlich Nachbarn beschert. Sie geben dem Gesicht und Namen, was man bisher nur aus Geschichtsbüchern oder aufgeregten Standard-Foren kennt. Unsere Nachbarn sind da ein besonders schönes, weil so besonders widerliches Beispiel für den neuen alten Wind, der durch unser Land weht. Die Hausverwaltung schickt uns letzte Woche einen Brief, in dem sie uns mitteilt, dass sich einige Mieter über uns beschwert hätten, weil wir durch "ständige" Lärmbelästigungen auffallen würde, "ständige" Bauarbeiten vornehmen (angeblich würden wir Wände rausreißen, hätten die Nachbarn beobachtet) und das würde wiederum "ständige" Lärmbelästigung verursachen. Auf unseren Anruf hin, wollte sich die "Dame" der Hausverwaltung weder darüber äußern, wer sich denn über uns beschwert hätte noch warum. Auf jede Frage war ihre Standard-Antwort: Kein Kommentar, schreiben Sie eine Stellungnahme.

Das schöne an der Sache ist, wir hatten bis zu diesem Brief keine Ahnung davon, dass unsere bloße Existenz bei anderen einen nicht unerheblichen Leidensdruck auslöst. Niemand hat uns jemals angesprochen, angeläutet, angerufen. Wir wussten nichts von unserem Rowdy-Dasein. Nachdem die Verwaltung die Beschwerdeführer anonym halten wollte, packte uns die Wut und wir machten uns im Haus auf die Suche nach dem- oder derjenigen. Unser Hausmeisterin, die verlässlich über das Tagesoutfit jedes Mieters Bescheid weiß, konnte uns auch hier weiterhelfen. Es handle sich um eine Dame der Nachbarstiege, deren Zimmer an unsere Wohnung grenzen und die sich schon seit Monaten permanent bei jedem, der es wissen will, über uns beschwert. Besagte Nachbarin haben wir in unserem Leben und der meine in 17 Jahren in diesem Haus noch nie gesehen. Als er sie mit ihren Vorwürfen konfrontierte, kamen erstaunliche Dinge zu Tage. Das Schlafzimmer ihrer 120m2 Wohnung befindet sich direkt neben der Küche und sie hört alles: unseren Geschirrspüler, unsere Gespräche in der Küche, wenn wir Geschirr in die Küche oder hinaus tragen, wenn wir kochen. Alles. Und sie kann.so.nicht.mehr.leben. Sie ist alleinstehend, ihr Mann hat sie verlassen und sie hat ja keine Chance gegen uns, deshalb hat sie uns nie angesprochen. Sie hatte einfach sooolche Angst. Außerdem wollte sie nicht mehr abends in ihren Mantel schlüpfen und die 5 Meter von einer Tür zur anderen gehen, weil es so kalt und finster draußen wäre. Sie hätte ein schlimmes Leben, immer um 5 Uhr aufstehen und müsste früh zu Bett und sie würde uns wirklich bitten, auch wenn sie rechtlich keine Chance hätte, weil danach hat sie sich schon bei allen Stellen erkundigt, ab 22.30 Uhr unsere Küche zu meiden. Der meine kam schwindlig wieder zurück nach Hause, weil ihm wahrscheinlich so viel Feigheit gepaart mit so viel Unverschämtheit noch nie untergekommen ist. Und wenn man seine Ex-FreundINNEN kennt, ist das eine wirkliche, wirkliche Leistung!!!

Die anderen Mieter konnten wir nicht ausmachen. Wir haben einen Brief ins Stiegenhaus gehängt, auf dem wir darum gebeten haben, der- oder diejenige sollten sich doch bei uns melden. Aber - welch Überraschung - niemand kam. Dann ist mit uns die Wut durchgegangen. Die Telefone bei Schlichtungsstelle und Mietervereinigung glühten und ausgestattet mit allgemeiner Empörung über den Sachverhalt und den Tonfall der Hausverwaltung schreiben wir nun einen wütenden Brief zurück, ein leidenschaftliches Manifest gegen die Denunziation! Weil was soll das alles bitte??!! Die Verwaltung äußert Mutmaßungen, jeder zweite Satz enthält eine Drohung, dass wir sonst raus müssen wegen ein paar Nachbarn, die es nicht mal wagen, uns ihr Leid ins Gesicht zu sagen, sondern Tag und Nacht lauschen, und beobachten, um sich dann zu beschweren, aber nicht mal die Eier dabei haben, ihren Namen anzugeben. Überflüssig zu sagen, dass wir weit und breit die Jüngsten im Haus sind. So nicht, liebe Denunzianten, so nicht! Der fesche H.C. mag samt seiner Bande und einem seit seinem Tod mehr denn je verhaiderten Land suggerieren, dass es total okay ist, jemanden anzuzeigen, weil man ihn einfach los werden will. Dass wir wieder dort angelangt sind, wo das noch belohnt wird. Aber nicht mit uns! Irgendwann, bald hoffentlich, geht ihr alle den Weg allen Fleischlichen und bis dahin...wird wie wir jetzt an unsere Tür schreiben wollen, wird bis 22 Uhr zurückgeschossen.

Sonntag, 12. Oktober 2008

Kärnten und seine Sonne


Gestern am späten Morgen. Internetsüchtling, der ich bin, gilt mein erster Blick in der Früh nach dem Aufwachen meinem Macbook, das praktisch als Hundeersatz stets neben mir schlummert. Wieviel Grad hat es wohl draußen und wie ist das heutige Biowetter? Eine jahrzehntelange Tradition, die ich mir schon als Schülerin angewöhnt habe. Damals im Dachgeschoss im Haus meiner Eltern in Klagenfurt noch via Teletext. Zwei Fragen, deren Antwort mir Auskunft darüber gab, ob sich das Aufstehen überhaupt lohnt. Gestern stand beim Wienwetter plötzlich: Häupl zum Tod Haiders. Ich dachte zuerst an einen Scherz, an eine Namensgleichheit oder sowas. Dann schaute ich auf die Hauptseite des ORF und tatsächlich - Jörg Haider war nicht mehr. Der meine, total verschlafen wie immer, setzte sich mit wirrem Haar auf und murmelte erschrocken den Satz, der mir auch sofort durch den Kopf ging: "Arg, wie oft hat man sich das gewünscht?!".

Vielleicht fühlten wir uns deshalb in den ersten Minuten, in denen wir lasen und auf die Pressekonferenz aus Klagenfurt warteten, so seltsam. Jeder von uns kennt die Schuldgefühle, die einen überkommen, wenn schlechte Wünsche, die man hegt (und wer hätte die nicht?!) plötzlich in Erfüllung gehen. Wenn die unbeliebte Deutschlehrerin plötzlich eine schwere Lungenentzündung hat, der sexistische Fahrlehrer eine Lebensmittelvergiftung oder Jörg Haider einen Autounfall. Man wird wieder Kind und vermutet irgendwo eine Mitschuld am Leid des anderen, eine unheimliche Kraft der eigenen Wünsche wie im Märchen. Vielleicht sind deshalb so viele österreichische Politiker plötzlich so schnell und ausdrucksstark in ihrer Betroffenheit. Auch von Seiten, von denen man es zuletzt vermuten würde, hagelt es Kondolenzwünsche und Beteuerungen, was für ein großer Mann von uns gegangen ist. Österreich und der Tod.
A neverending Lovestory.

Ich habe Jörg Haider nie gemocht. Er stand für alles negative, was ich an Kärnten seit meiner frühesten Jugend gehasst habe und noch hasse. Für Engstirnigkeit, Borniertheit und für den Selbsthass. Meine Grossmutter war Kärntner Slowenin, auch wenn sie sich nie als solche deklariert hat. Mein Vater spricht fließend Slowenisch, auch wenn er uns Kinder nie beigebracht hat. Mit diesem Stammbaum stehe ich bei weitem nicht allein da. Ich habe nie verstanden, warum in einem Land, in dem die Hälfte Kukuvic und Wukovic heißt, solche Emotionen geweckt werden können, wenn es darum geht, einen Ortsnamen in zwei verschiedenen Sprachen auf eine Tafel zu drucken. Die Mär von den uns überfallenden Slowenen, die sich Kärnten wieder unter den Nagel reißen wollen wie anno 1920 hab ich schon seinerzeit in Diskussionen mit unserem Schulwart zu bekämpfen versucht. Sinnlos. Es ist so, als ob sich die Kärntner mit Gewalt einen Teil von sich selbst abschneiden wollten. Und bei diesem brutalen Akt darf jeder behilflich sein, der sich anbiedert. Auch wenn er aus Oberösterreich kommt und sein Kärntnerisch auswendig gelernt und wenig authentisch wirkt.

Die Kärntner lieben ihr Land. Das ist grundsätzlich verständlich. Auch ich vermisse den Wörthersee in regelmässigen Abständen jeden Sommer in Wien. Auch mir fehlen manchmal die menschenleeren Berge und Täler, das Essen und die Herzlichkeit. Und dass diese groß ist, dass es sich dabei um eine geradezu rührende Naivität handelt, um eine unzeitgemässe Offenheit, ist unbestritten. Die Kärntner sind ein stolzes, sentimentales Völkchen. Eines, das sich wirtschaftlich nicht selten als Verlierer fühlte in den letzten Jahren. Eines, das nach Anerkennung gierte und das man sehr leicht für sich gewinnen kann, wenn man auf die Liebe zum eigenen Land zielte. Haider hat das erkannt und für sich genutzt. In Ermangelung anderer Alternativen - und mal ehrlich, man hatte gerade in den letzten Jahren ja regelrecht das Gefühl, dass die anderen Parteien absichtlich keinen adäquaten Gegenkandidaten aufstellten - zog das. Dass die Kärntner alle Nazis sind und deshalb den Haider wählen, das war mir als Erklärung immer zu einfach und zu billig.

Ich habe 19 Jahre in Klagenfurt verbracht, ich habe am dortigen Stadttheater gearbeitet und hatte dort enge Freunde und diese innnige, wahnsinnige Liebe zum Land ist mir immer aufgefallen und vielleicht bis heute fremd geblieben, aber Nazis? Alle? Über 40%? Das wäre mir doch aufgefallen. Das hätten mir auch nach meinem Wegzug vor über 10 Jahren meine Geschwister, die noch immer dort leben, erzählt. In Kärnten wählte man hauptsächlich Haider, weil man damit sagte, dass man das eigene Land liebt. Und natürlich gleichzeitig, dass man einen Teil von sich selbst hasst. Ich behaupte, Kärnten ist Jörg Haider am Arsch vorbei gegangen. Immer schon. Er hätte es sofort verlassen, wenn er in Wien eine reele Chance gehabt hätte, ein Regierungsamt zu bekleiden. Aber bis dahin fand er dort all das, was er für seinen Narzissmus benötigte: eine Bühne mit einem dankbaren, leicht zu manipulierenden Publikum. Einen Haufen Menschen, die derart emotional sind, dass ihnen ein hand-shake mehr bedeutete, als konkrete Massnahmen gegen die Arbeitslosigkeit ihrer Verwandten. Er hat sich den Trachtenjanker angezogen, ein wenig Dialekt gelernt und sich als das präsentiert, was ihm am meisten Stimmen einbrachte. Er hätte dasselbe in jedem beliebigen Bundesland tun können, nur dass keines so einfach zu erobern war.

Haiders Kärnten war auch ein Land der Arbeitslosigkeit, ein Land der Events, wo Beachvolleyballmeisterschaften finanziert wurden, aber Kellertheater geschlossen. Wo man unendlich viel Geld in Wörtherseerallys steckte, aber auf der Uni an allen Ecken und Enden gespart wurde. Wo der rot-schwarze Proporz sehr bald durch einen rein blauen und später rein orangen ersetzt wurde. Wo es noch immer für etliche Uniabsolventen keinerlei Chance auf einen Arbeitsplatz gibt und deshalb Scharen an Studenten dort leben bleiben, wo sie studiert haben: in Graz, Salzburg und Wien. Haiders Kärnten war ein Ort, an dem Kriegsrecht exekutiert wurde: wer nicht für ihn war, war gegen ihn. Und bekam das auch zu spüren. Das betraf vor allem die Intellektuellen im Lande, die Wissenschafter, die Künstler. Haider betrieb das Prinzip der Ausgrenzung, der Diffamierung, der Verleumdung des Feindes mit einer derartigen Konsequenz, dass es mir schwer fällt, nach seinem Tod zwischen dem Menschen Jörg Haider um den es schade ist wie es um jeden Verstorbenen schade ist und dem Politiker, der Ausgrenzung und Hetze in Österreichs Politik etablierte, zu differenzieren.

Ich frage mich, wieviele tausend Menschen den "sozialen" Tod fanden dank seiner Politik. Wieviele offen beschimpft und aus ihren Positionen vertrieben wurden, weil es plötzlich durch ihn salonfähig geworden war, offen Aggression und Hass für alles, was anders war als der Sonntagsstammtisch, zu zeigen, zu artikulieren, im Zweifelsfall auch durch Gewalt zu exekutieren. Ich habe den Politiker Jörg Haider als Schülerin gehasst. Weil ich mich gut daran erinnern kann, wie Teile meiner Mitschüler und ich muss nicht dazu sagen, dass es sich dabei nicht gerade um die selbstbewusstesten handelte, am Neuen Platz standen und mit ihren blauen Schals wedelten. Wie sie in der Rauchpause darüber diskutierten, dass die "Ausländer" weg gehörten, weil sie auf ihren Balkonen in Klagenfurt Schafe schlachten würden und das Blut in den Hof tropfen ließen. Solche Schauermärchen waren natürlich Legende und genau diese Legenden fütterte Haider mit seiner Politik der Hetze. Haider war nicht gut für Kärnten, weil er seinem Ruf im In- und Ausland nachhaltig geschädigt hat. Weil er es als Bühne missbraucht hat und sein williges Publikum dadurch stigmatisierte. Weil er nicht für ein Miteinander eintrat, sondern das Misstrauen, das Vernadern bestärkt hat, ja geradezu dazu aufgerufen hat.

Die Kärntner, die nun Lichter bei der Landesregierung entzünden und davon sprechen, dass einer der ihren gegangen ist, haben ehrlich mein Mitgefühl. Weil sie bis heute nicht verstanden haben, dass sein Handschlag nichts Authentisches hatte, dass seine Worte nicht persönlich gemeint waren, sondern dass sie nur als Mittel zum Zweck gedient haben und der hieß von Anfang an: Jörg Haider. Als die FPÖ in der Regierung saß und ich mir die Füsse wund latschte beim vielen Demonstrieren, hat Haider jede Konstruktivität torpediert. Er tat alles, um zu stören und zu zerstören. Weil es seine Eitelkeit nicht ertrug, dass er nicht Teil der Entscheidungen in Wien war und dass seine persönliche Beliebtheit unter der Regierungspolitik litt. Er war nie für etwas, sondern immer dagegen. Seine Politik hatte wenig positive Messages zu bieten, sondern lebte von den Feindbildern, von den Anderen, die an allem schuld waren: die Ausländer, die EU, die Politiker in Wien, die Slowenen. Er propagierte das Austreten aus der Eigenverantwortung und fand in den Kärntnern, die einen Teil von sich selbst hassten und nicht wahrhaben wollten, willige Wähler.

Es ist Zeit, dass Kärnten endlich wieder Eigenverantwortung lernt. Es ist Zeit, dass es begreift, dass es keinen Führer, keinen Landesvater, braucht, der ihnen ihre Entscheidungen abnimmt und für Brot und Spiele bzw. Billigbenzin und Events sorgt, während die Intelligenz abwandert und die Situation am Arbeitsmarkt sich sukzessive verschlechtert. Es ist Zeit, dass die Kärntner die Vielfältigkeit ihrer Wurzeln als Reichtum begreifen und nicht in einer dumpfen Deutschtümmelei versinken, die im 21.Jahrhundert zurecht keinen Platz mehr hat. Man braucht bessere Schulen und besser ausgebildete Lehrer, eine Kultur der freien Meinung, eine Offenheit Europa gegenüber. Keine braunen Anzüge und Oktoberaufmärsche. Wenn sie Kärnten lieben, sollen sie sich um ihr Land bemühen und nicht darauf warten, dass der nächste dumpfe Populist mit einfachen Lösungen kommt, die wahre Probleme verschleiern. Haider ist tot und ich bin befremdet von all den wohlwollenden, herzlichen Kommentaren, die ich in diversen Tageszeitungen lese. Ich denke, niemand hat es verdient, in einem Autounfall zu sterben. Es ist kein schöner Tod. Er hat irgendwie zu seinem Leben gepasst, zu schnell, gegen jede Regel, selbstzertörerisch. Aber es ist kein großer Mann von uns gegangen. Ein großer Populist, ja. Ein großer Hetzer, ja. Ein Schauspieler, ein Narzisst, ein Wiederbetätiger, ja. Aber wenn deshalb - wie der designierte Landeshauptmann von Kärnten sagte - die Sonne in Kärntner vom Himmel gefallen ist, dann wird es wohl wirklich dunkel in diesem Land.

Mittwoch, 8. Oktober 2008

let go, please baby, let go!


Der meine hat sich gestern Abend vor mir aufgebaut mit dieser bedeutenden Miene, die ich höchst selten bei ihm zu sehen bekomme, weil meist etwas außergewöhnlich Ernstes folgt. Und mit dem außergewöhnlich Ernsten hat es mein kleiner Peter Pan nicht so. Ich hab mich schon darauf gefasst gemacht, dass auch sein Kontorahmen jetzt derartig überzogen ist, dass selbst der Hofer nicht mehr drin ist. Ist er, aber das wars nicht. Er hat sich geräuspert (nie ein gutes Zeichen) und verkündet: "Ich habe für mich jetzt abgewogen, ob es wichtiger ist, dass die Mauer gebaut ist oder dass ich sie selbst, allein und ohne Hilfe gebaut hab." Und er ist zu dem Entschluss gekommen, dass ersteres für unseren Seelenfrieden und sein Herz das Wesentlichere ist. Das ist ihm nicht leicht gefallen, weil niemand räumt gerne ein, Hilfe zu brauchen.

Wir machen alles so weit es geht allein, weil der Zusatz "das hab ich allein geschafft" immer noch etwas Heroisches hat, einen Hauch totaler und absoluter Unabhängigkeit, der uns absetzt von der Masse, der gleichsam sagt: Ich brauche niemanden.
Diese Aussagen haben in allen denkbaren Zusammenhängen immer eine magische Note, dem die kollektive Bewunderung so sicher folgt wie die Narben dem selbst ausgedrückten Pickel. Mit ziemlicher Sicherheit fängt dieser Unsinn vom Einsiedlermythos schon wie alle verzichtbaren Dinge in der Kindheit an. Die Eltern loben einen, wenn man das erste Mal allein auf den Topf gegangen ist. Die Kindergärtnerin, wenn man seine Schuhe selbst zubinden kann, die Volksschullehrerin, wenn man ohne ihre Souffleusen-Dienste die ersten Sätze flüssig lesen kann. (Etwas, gegen das ich mich persönlich äußerst lange gewehrt hab. Ich konnte mit 8 noch keine zwei aufeinanderfolgenden Worte lesen und hab den Kontext dann einfach erfunden. Was meine Kreativität vielleicht geschult hat, aber meine Lehrerin nicht nur einmal zur Erwähnung der Sonderschule inspirierte.) Dieser Trend zieht sich bis ins Alter und erfährt gerade jetzt eine Konjunktur, von der Willi Molterer nur träumen kann.

Die Ich-AGs schießen aus dem Boden, die Einzelkämpfer werden sportlich von jeher mehr bewundert als Teamspieler, die narzisstischen Persönlichkeitsstörungen sind in ihrem massenhaften Auftreten wirklich schon fast fad. Alle Technik-Tools und Features sind nur noch darauf konzipiert, größtmögliche Individualität zu suggerieren. Facebook und Myspace lassen einem Raum, das einzig anbetungswürdige im Leben abzufeiern, nämlich das Ich. Und das Ich ist nur dann super, wenn es zur Selbstverwirklichung, zur Selbstdarstellung, zur Selbstbestätigung beweisen kann, dass es souverän, autonom agieren kann. Ich denke mir oft, denn ich komme jetzt in dieses Alter, wo die Hormone bei jedem Kleinkind, das an mir vorbei geschoben wird (und im Zweiten sind das viiiele), schreien: haben wollen!, dass dieser radikale Individualismus auch mit daran schuld ist, dass man Menschen mit Kindern so kritisch beäugt. So als ob sie sich freiwillig eine unheilbare Krankheit zugelegt hätten. Weil man es wohl ganz ehrlich absurd findet, dass jemand seine Unabhängigkeit freiwillig aufgegeben hat.

Viele meiner FreundInnen und Bekannte - und ich will mich da gar nicht ausschließen - haben in Bezug auf Kinder die größte Panik bei dem Gedanken, dass sie nie mehr allein sein können. Dass das mit der Abgrenzung, aber auch mit dem Abfeiern von sich selbst nicht mehr so einfach geht, wenn da ein 3-Monate altes Würstchen liegt und brüllt. Man kann ja schlecht zur Wiege gehen, das Baby fixieren und ihm erklären, dass man jetzt etwas Zeit für sich braucht und deshalb die nächsten zwei Stunden nicht gestört werden wolle. Wenn ich mir da die Geschichten von meinem Bruder und seinem Nachwuchs anhöre, pfeifen sie da aber ordentlich drauf.

Warum hält sich dieses Ich-bin-eine-Insel Ideal bloß so hartnäckig? Warum zählt es eigentlich immer mehr, wenn man beweisen kann, dass man keine Hilfe benötigt - aber auch bei wirklich gar nix? Unlängst erzählt ein Bekannter von mir, dass er jetzt eine Freundin hat. Eine Fernbeziehung. Sie sehen sich nur jedes zweites Wochenende für 3 bis 4 Tage. Und sie hatte vorübergehend keine Wohnung in Wien. Deshalb hat sie die 4 Tage bei ihm gewohnt, in seiner 70m2 Wohnung. Und er hat geseufzt und gemeint, schon am zweiten Tag hätte er sie nicht mehr ausgehalten. Nicht, weil sie ihn als Mensch genervt hätte, sondern allein die Tatsache, dass da jemand bei ihm in der Wohnung war, hat er nicht ertragen. Das wirklich strange an dieser Geschichte war nicht die Sache selbst, sondern die Reaktion am Tisch. Jeder meiner Bekannten hat zustimmend genickt und Verständnis gezeigt.

Woher kommt diese Alleinseinwollen-Manie, frage ich mich Stunden danach? Und, steht sie in direktem Zusammenhang mit der Tatsache, dass mein Freund den gestrigen Tag damit verbringen musste, einen aussichtslosen Zweikampf mit dem Verputz zu führen, bis er endlich zerknirscht eingesehen hat, dass er vielleicht doch nur ein klein wenig professionelle Hilfe braucht? Ist dieses Verhalten nicht auch eine Metapher für unsere hyperneurotischen Psychen, die erst dann von einem Therapeuten aufgerichtet werden dürfen, wenn wir uns nach jahrelangem selbstquälerischen Aktionen durch den unerträglichen Leidensdruck dazu entschließen, "aufzugeben"? Hat nicht jeder meiner FreundInnen und Bekannten, der vernünftigerweise die Hilfe von Tabletten in Anspruch nimmt, immer auch das Gefühl "verloren" zu haben, es eben nicht "allein geschafft" zu haben? Absurd in einer Zeit, in der es absolut gesellschaftsfähig ist, seine operierten Schlauchboote von Lippen öffentlich ablichten zu lassen und unsere Söhne schon derartig von Silikontitten geprägt sein werden, dass sie bei natürlich gewachsenen, der Schwerkraft gehorchenden Brüsten verwirrt zurück schrecken werden?!

Ich weiß nicht, woher dieser Wahnsinn kommt. Vielleicht ist es die Rache der Kinder der Hippies für ihr "Let's come together", ihren Kollektiv-Terror, der uns Rudelbumsen als wertvolle Ideologie, als gesellschaftlichen Paradigmenwechsel verkaufen will. Wir wollen intensive Beziehungen, leidenschaftliche Liebe, den Seelenverwandten finden und haben Verschmelzungsfanatsien ohne Ende, aber wenn uns jemand zu nahe kommt, dann bricht sofort das Ende der Gemütlichkeit an. Dann heißts rennen, so schnell uns unsere Adidas tragen.
Ich bin froh, dass der meine seine Nähe-Distanz-Regulation zumindest was den Mauerbau betrifft, neu eingestellt hat. Richtig stolz bin ich auf ihn. Die Mauer wird nicht weniger wert, weil ein oder zwei Handwerker den Verputz erledigt haben. Unsere Zimmer nicht weniger gemütlicher, die daraus entstehende neue Wohnung nicht weniger ein positiver Neuanfang. Seine Arbeit nicht weniger wertvoll und cool. Wir sind doch eh alle allein von der Geburt bis zum Tod. Sometimes it's good to take a helping hand and let got, baby, let go!

Dienstag, 30. September 2008

Frauen sind billiger


Ich habs gerne ordentlich. Mir ist schon klar, dass man diesen Begriff im Zusammenleben möglichst präzise definieren sollte, weil es sonst schnell zu Missverständnissen kommen kann. Nun, ordentlich heißt nicht, dass man vom Boden essen können muss, dass die Kommoden und Bücherregale immer staubfrei in der Sonne glänzen müssen oder dass am Bett fünf Minuten nach dem Aufstehen eine dieser schrecklichen grosselterlichen Häkeldecken liegen soll. Nein. Ordentlich heißt in meinem Fall, dass ich gerne wieder den Luxus hätte, barfuß nach dem Duschen durch die Wohnung spazieren zu können, ohne dass Zementklumpen zwischen meinen Zehen kleben. Das Leben auf der Baustelle ist hart, unromantisch hart.

Der meine hats nichts so mit den Details. Das kommt wohl daher, dass er eher in großen Dimensionen denkt. Wenn es um Pioniergeist geht oder man einen Menschen braucht, der irgendeinen lebensgefährlichen Wahnsinn als erster ausprobiert, ist man bei ihm richtig. Er ist der Meister großer Pläne, großer Entscheidungen und großer Veränderungen. Aber die Krümel nach dem Essen vom Tisch kratzen - nein, das ist das seine nicht. Das ist ihm zu kleinkariert und spießbürgerlich. Wie alle anderen klassischen Haushaltsagenden auch. Aufwischen, Staub unterm Bett raussaugen oder Regaloberflächen zu polieren - das alles kommt für ihn einer Absage an die einstigen Rockheroes und düsteren Legenden seiner Jugend gleich. Oder kann sich einer Nick Cave mit einer Schürze am Boden seines Hausboots kauernd vorstellen, wie er die Stellen zwischen den Fliesen mit der Zahnbürste reinigt?! Nun, ich muss an dieser Stelle sagen, dass ich Nick Cave im Gegenteil zu dem meinen ja nicht so sehr schätze. Ich halte ihn schlicht für einen von der Frauenwelt frustrierten ödipal verstörten narzisstischen Psychopathen erster Güte, den ich mir in noch ganz anderen Posen vorstellen kann, als in der oben erwähnten. Aber das ist ein endloses Streitthema zwischen mir und meinem lieben Freund, das in einem Generationenkonflikt ausarten kann. Ich versteh ja seine Vorliebe für diese Jammerlappen mit pathologischen Tötungsfantasien wie Cave oder Tex Perkins - mein Hassobjekt Nummer Eins - nicht. Muss wirklich an seiner Generation liegen. Wahrscheinlich ist Tschernobyl daran schuld.

Das Problem an unserer Haushaltsführung ist wahrscheinlich die Tatsache, dass es hier bis vor ein paar Monaten regelmässig eine Putzfrau gab, die alle zwei Wochen kam, um sich ihren Traum vom Studium zu erfüllen. Als sie sich den dann schlußendlich erfüllen konnte, hat der meinige einfach so weitergelebt, als käme sie noch immer. Die Phantomschmerzen zeigten sich in manifesten in meinem Kreuz und meinen Unterarmen. Ich weiß auch nicht warum ich so eine exotische Vorliebe für Ecken ohne Spinnweben und Tische ohne Staubschicht hege. Ich gebe zu, es muss an der Erziehung liegen oder an den unzähligen Müttern, die ihre Söhne zum königlichen Nichtstun ermuntern, um dann die Töchter als billige Hilfsarbeiterinnen auszunutzen.

Warum soll es denen schließlich besser ergehen als ihnen selbst? Diese Erklärung ist so stereotyp, dass sie schon wieder peinlich wirkt, aber sie ist leider immer noch wahr. Wohin ich auch sehe in meiner Verwandtschaft und im Freundeskreis, noch immer sind es die Frauen, die sich um Essen, Sauberkeit und Gemütlichkeit im Haushalt kümmern. Sie schleppen die Einkäufe an, auch wenn sie ebenso arbeiten wie ihre Freunde. Sie bereiten das Essen zu, sie wischen, saugen und schütteln die Betten auf. Das ist ein überholtes Bild in der öffentlichen Wahrnehmung, darüber spricht man nicht in der Bobo-Kneipe ums Eck, aber nichtsdestotrotz findet es statt. Natürlich hat sich seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts einiges gebessert. Meiner kocht zum Beispiel nicht gerne, aber sehr gut und immer, wenn ich ihn darum ersuche. Er sieht natürlich auch ein, dass es 50/50 geben muss. Doch in der Praxis sieht das so aus, dass er mich dazu ermuntert, alles liegen und stehen zu lassen und mit ihm der Gemütlichkeit zu fröhnen inmitten von staubigen Möbelstücken und Zement-übersäten Böden. Das halte ich wiederum nur ab einem gewissen Müdigkeitsgrad bzw. Alkoholpegel gut aus. Sonst schweift mein Blick umher und bei allem, was ich sehe, schreit der unentspannte perfektionistische Teil in mir: wegräumen, glatt streichen, aufheben, los!

Also geht es wohl in erster Linie darum, zu akzeptieren, dass eben nicht alles so perfekt sein kann, wenn man arbeitet, wohnt, schreibt, erfindet, jedes Wochenende auch noch mit dem Sohn patchworkt, etc. Man kann sich nicht einerseits über die unfeminstische Praxis beschweren und auf der anderen Seite bei einem schmutzigen Glas Schweißausbrüche bekommen. Man kann aber auch nicht freiwillig putzen, räumen und polieren, um dem anderen dann Vorwürfe machen zu können. Diese Dreckphobie ist doch nichts anderes als ein anerzogenes Mittel zur Unterdrückung der Frau und das perfide daran ist, anerzogen von der Mutter, nicht etwa von den männlichen Mitgliedern der Familie. Meine liebe Schwester pflegt immer äußerst selbstreflektiert zu bemerken, dass sie wieder in eines der "alten Scheißmuster" gekippt ist, wenn sie manchmal erschöpft vom Aufräumen oder Kochen anruft.

Der Haken daran ist - und darin sind wir uns einig - dass wir von unserer Mutter, die nicht wirklich berufstätig war, niemals gehört haben, dass sie heute 70 Euro verdient hat, diesen und jenen Deal an Land gezogen hat und jetzt die Füsse hochlagern möchte und ihr Bier haben und zwar Dalli-Dalli.
Dass sie mit sich zufrieden ist, weil sie wie im Falle meiner Schwester ein paar Seiten Diplomarbeit verfasst hat, ich in meinem ein wenig weitergeschrieben hab oder im Fall meiner liebsten Freundin, die es am härtesten hat, einen Tag mit Psychotikern unverletzt überstanden hat. Dieser Sauberkeitsfimmel, dieses vorwurfsvolle "ich habe heute eingekauft, ich habe heute die Schränke geputzt, Schatzi" ist doch auch ein Vorwurf dem Mann gegenüber, der die Jahrhunderte überstanden hat, weil die blitzenden Kommoden der einzige Selbstwert war, den MANN Frauen zugestanden hat und den sie sich selbst erlaubt haben.

Heute Abend war alles anders. Mein lieber Freund hat stundenlang Werkzeug geschlichtet und geordnet - wir besitzen übrigens mittlerweile ca. 7 Hämmer, 15 Zangen und etliche Wasserwaagen - den Boden gewischt und die Ecken entstaubt. Ich habe mich müde vom Arbeitstag und ein wenig auch vom Leben auf die Couch gelegt und ließ mir von ihm mein Feierabendbier servieren. (Und ich habe es mir nicht nehmen lassen im Sinne der Gleichberechtigung, auch was sexuelle Belästigung betrifft, ihm hie und da beim Vorübergehen einen Klaps auf den Popsch zu geben, während er gerade räumte.)
Ich hoffe sehr, dass genau dieses Frauenbild dasjenige ist, das meine Tochter einst, in ferner Zukunft mit hinaus nimmt in ihr Leben. Und dass neben den vielen Phobien, die sie 100%ig entwickeln wird, keine einzige etwas mit Schmutz zu tun hat.

Samstag, 27. September 2008

Die Qual der Wahl



Der meine liegt darnieder, was ihn aber nicht vom Zanken abhält. Morgen ist Wahl und ich dachte eigentlich, dass wir da gleichgeschalten sind, was unser Kreuzerl betrifft. Falsch gedacht! Da blitzt plötzlich die Gemeindebaukindheit deutlich auf, wenn er sich kämpferisch aufsetzt und "Sozialimus jetzt!" fordert. Für mich ist das keine Option, nie gewesen, warum, kann ich schlecht begründen. Ich hab einfach eine tiefe Abneigung gegen die Roten, immer schon gehabt. Ich weiß nicht, ob das an Häupls Wurschtsemmelgesicht liegt, aber irgendwie kommen mir immer dieselben Bilder von verschwitzten, dicken Männern hoch, die raunzen "der Magistrat wird des schon richten", wenn ich an die SPÖ denke. Ich weiß schon, das ist keine qualifizierte politische Äußerung, aber mir liegt das Austreten von Barbara Blaha, eine wirklich fähige Frau, unter der Gusenbauer SPÖ wegen der Studiengebühren-Lüge immer noch im Magen. Und die Rudas hat brav die Klappe gehalten und durfte dafür ins Parlament. Fand ich nicht so gut, das Ganze.

Mir fehlt auch einfach die Nähe zur SPÖ. Meine über alles geliebte Uroma, von uns in Ermangelung einer tatsächlichen solchen, "Omi" genannt, war stolzes SPÖ Mitglied mit zweistelliger Mitgliedsnummer. Und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sie mit ihrem Stock gegen den Fernseher losging, weil Alois Mock darin zu sehen war und wild schrie: "So ein Gangster, ein Valott!" Da war sie schon weit über 80 und kaum zu beruhigen. Die Tortenreste, die sie uns regelmässig von Parteitreffen mitbrachte, waren die letzte positive Assoziation mit den Roten.

Vielleicht liegt das daran, dass ich meine Kindheit in Kärnten verbracht habe unter Wagner und der war so braun, dass Haider dagegen trotz seiner Solariumbräune blass aussieht. Aber ich verstehe und respektiere den Zugang meines lieben Freundes zur SPÖ. Vielleicht wähle ich ja grün auch nur aus Gewohnheit. Gerade im diesjährigen Wahlkampf hatte ich permanent das Gefühl, sie wollen gar nicht, dass man sie wählt. Dazu trugen die strangen Spots, in denen Kleinkinder und Frauen plötzlich Vollbärte wuchsen als Zeichen der Solidarität zu VdB, ihr Übriges bei. Und die wenigen Wahlwerber, die mir in grün über den Weg liefen, verteilten entweder äußerst uninspiriert Pflanzensamen für Küchenkräuter, auf die ich allesamt allergisch reagiere oder sie hatten hippe Taschen, hippe Frisuren, hippe Hornbrillen, aber recht wenig zu sagen. Irgendwie war meine Entscheidung ins Wanken gekommen.

Also dachte ich mir, ich geh heute Nachmittag zu allen auffindbaren Parteikundgebungen, führe substantielle Gespräche mit den Wahlhelfern und entscheide mich dann. Mein lieber Freund war via Handy mit mir verbunden und wurde von jeder Station mit Liveberichten versorgt. Das erste Fest, das mir unterkam, war die Feier der ÖVP Leopoldstadt im Zweiten. Nicht gerade ein klassischer Battleground für die Schwarzen, denn hier im Stenzel-Nachbarland gibt es traditionell wenig zu holen. Dementsprechend depressiv war dann auch der "Leopoldiherbst". Schon bei der Liveband jagte es mir kalte Schauer über den Rücken. Der Sänger - eine füllige Version von Tony Wegas - wartete mit locker-flockigen Bemerkungen auf wie "auch die Leute, die nicht ÖVP wählen, dürfen gern zuhören". Puh! Es gab Punsch, Liptauerbrote und für jeden ein paar abgezählte Maroni, die in der Hitze nicht ganz so gut schmeckten. Der alte Mann neben mir brachte es auf den Punkt: "Des Trinken schmeckt ma besser als des Essen. Weil Alkohol schmeckt immer."

Ich musste mich nicht lange nach einem Wahlhelfer umsehen, sie schossen praktisch aus dem Boden und aufgrund des regen Publikumsinteresses der Bevölkerung kamen auf jeden Festbesucher locker drei von ihnen. Meiner war 27, Jurist, kurze Haare, Nickelbrille und stellte gleich anfangs fest, die ÖVP sei die einzig richtige Wahl, weil es bei ihr um Leistung ginge, um richtige Leistung. Die Abschaffung der Studiengebühren fand er lächerlich, weil die 300 Euro hätte jeder, die Lehrlingsarbeitslosigkeit komme daher, dass die Kinder (!!) eben nicht arbeiten wollten und kreativen Selbstständigen wie mir, deren soziale Absicherung nicht mal die Verpackung von Gio Hahns Gummibärli wert ist, riet er, sich am Markt zu orientieren und sich notfalls eben "umschulen" zu lassen. Willi Molterer sei ein Pfundskerl, ein lockerer, lustiger Typ und sein irres Starren ein Zeichen der Ernsthaftigkeit. "Er grinst eben nicht dauernd, weil es in Österreich nicht viel zu lachen gibt." Mit der Frage, wieviel denn Frau Molterer wohl zu lachen habe tagein, tagaus, verabschiedete ich mich schnell und fühlte mich in meiner Theorie, dass die JVP ein Auffangbecken für degenerierte Landadelige und Primariensprösse ist, mehr als bestätigt.

Also weiter mit dem N zur Wittelsbachstrasse, in der heute ein Strassenfest stattfinden sollte, gesponsert von der SPÖ. Von der war dort nicht mehr viel zu sehen und die drei, vier Buden, in denen Volltrunkene Würstel verzehrten - es war immerhin schon kurz vor 15 Uhr - waren auch nicht so einladend, um zu verweilen. Mein lieber Freund riet mir, in die Löwelstrasse zu fahren. Dort müsse noch irgendjemand nüchtern sein und mir Auskunft geben können. Auf dem Weg dorthin stolperte ich über das grüne Zelt bei der Oper. Ich schnappte mir ein Stück Schokolade und fand mich binnen Sekunden in einer Diskussion mit den dort Anwesenden wieder, warum man nicht das LIF wählen sollte. Und mein Gegenüber war genau der Kernpunkt der Kritik an der Ökopartei, der von meinem Freund ebenso wie von vielen anderen immer wieder erwähnt wird. Sie war undefinierten Alters und nur die Septemberwinde haben sie davon abgehalten gleich in Birkenstock zu erscheinen. Langer Rock, geblümte Weste, wirres Haar. Sie sei ein Öko, überzeugt. Und schwupps, hatte sie mich schon mit dem Kleister ihrer Aussteiger-Bio-Jutesack Ideologie überzogen. Nein, nein, nein! Das ist nicht meine Partei. Ich hab kaum Geld für die gentechnisch veränderten Tomaten beim Diskonter und den Kinderarbeits-Orangensaft. Das Bio-Tofu ist ein Luxusartikel, an den ich nicht mal zu denken wage.

Dem Himmel sei Dank haben sie ein paar Kollegen sanft zur Seite geschoben und es entwickelte sich dann doch eine recht gute Diskussion über die neuen Selbstständigen und Oppositionspolitik. Das sympathischste daran war ihre unprofessionelle Bereitschaft, jeden Fehler, auf den ich sie sanft hinwies, sofort zuzugeben. Auch die, von denen ich keine Ahnung hatte. Ich hab ja was übrig für Understatement. Sind wir nicht alle Dilletanten? Am Schluss baten sie mich zähneknirschend, ihnen doch diesmal noch zu vertrauen, sie wüssten selbst, es sei nicht einfach. Aber sie würden sich Mühe geben.

So unprätentiöse Wahlwerbung hab ich selten erlebt. Aber sie verleiht einem eben auch nicht unbedingt das Gefühl, zu den Gewinnern zu gehören. Wenn man das will, muss man in Österreich rechts wählen, egal unter welchem Label kandidiert wird. Orange, blau, alles is eins. Ich war müde und erschöpft, als hätte ich mich selbst politisch engagiert. Mit schweren Schritten stapfte ich die Kärntner Strasse hinauf, vor meinem inneren Auge die strähnigen Schnittlauchhaare der Grünen Landtagsabgeordneten und das 10000 Euro Lächeln des schmierigen JVPlers. Ich entschied, dass es zu spät war, um der SPÖ noch einen Besuch abzustatten. Ich hatte ohnehin nie vorgehabt, ihnen eine reale Chance zu geben. Mein lieber Freund war nur vom Zuhören hörbar geschwächt und verlangte lautstark nach Essen. Also hab ich uns eine Lage Brötchen gekauft, die wir dann zu Hause angekommen mit Kinderbier hinunter spülten. Die Erkenntnis des heutigen Tages zusammengefasst muss lauten: Politik ist ein mühsames Geschäft und das Schicksal Österreichs macht, wenn schon sonst nix, müde, sehr müde.

Freitag, 26. September 2008

Die Welt steht still



Durch die Wohnung zieht der Geruch von Krankheit und angebrannter Hühnersuppe. Mein lieber Freund liegt seit vorgestern im Bett mit einer Kindergrippe, die er - wie der Name schon sagt - vom Kind hat. Er schwitzt und hustet und ist erbärmlich anzusehen, wie er so vor sich hin döst und sich hauptsächlich langweilt. Ich will jetzt nicht herzlos wirken, aber sein Siechtum heißt leider auch gleichzeitig, dass ich mich daran gewöhnen muss, auf einer unfertigen Baustelle zu leben. Die Wand ist endlich verputzt. Das hat er mit letzter Kraft grade noch bewerkstelligt. Dann folgte graziös wie der sterbende Schwan der Zusammenbruch. Ich bin seltsamerweise verschont geblieben, weil mein Immunsystem offenbar anderes mit mir vorhat.

Aber sonst Stillstand, wohin man auch blickt. Noch immer kleben Betonspuren überall am Boden, die neue Wand wirft unheimliche Schatten auf unser Notlager, weil das neue Lichtkonzept erst nach der Fertigstellung der neuen Räume montiert werden sollte. Und die Therme hat sich endgültig verabschiedet. Kein Warmwasser mehr, keine Heizung. Etwas hat sich doch getan in den letzten 48 Stunden: mein kleiner Neffe Nicholas ist auf die Welt gekommen und hustet angeblich noch immer Fruchtwasser aus seinem kleinen Körper. Die Mutter ist jetzt okay, was ich weiß, obwohl es doch ziemlich arg war, bis das Kind endlich raus wollte. Für mich war das natürlich nur ein Erlebnis aus zweiter Hand, weil wie schon erwähnt meine Welt still steht.

Ich wollte vorgestern sogar endlich meinen Vorsatz in die Tat umsetzen, mit dem Rauchen aufzuhören. Hab ich dann zwar in Gedanken getan, aber der finale Schritt fehlt wohl noch. Manchmal gibt es einfach diese Phasen, in denen man über nichts Gedankliches hinaus kommt. Wo sich im Innere zwar vieles abspielt, aber einfach nicht an die Obefläche gelangt. Der Brutto-Netto Unterschied im Handeln. Während solcher Tage schreibt man viele Mails, hängt den ganzen Tag auf Facebook herum, reagiert auf Außenreize überaus empfindlich, aber kann die so ausgelösten Empfindungen nicht wirklich versprachlichen. Alles steht einfach, emotionale Inversionswetterlage, wenn nix abzieht aus der Stadt und die Luft dann meist im November in den Straßen Wiens nach Abgasen riecht und der Kopf bei jedem Schritt zieht. Man atmet ein, man atmet aus, hat aber das Gefühl, dass da nix war. Die Zigaretten schmecken nicht und auch der Alkohol fährt nicht so ein, dass man ihn gerne trinken würde.

Ich glaube mittlerweile nicht mehr, dass es sich an diesen Tagen um depressive Verstimmungen handelt, an denen die Psyche laboriert, auch nicht, dass die permanent empfundene Müdigkeit, die Lethargie, die einen stundenlang ein leeres Glas anstarren lässt, ohne dass man sich aufraffen könnte, um es endlich wegzutragen, zu füllen oder sonstwas damit zu tun, kein gutes Zeichen ist. Ich denke nachdem ich viele solche Phasen durchlaufen habe, immer wieder und wetterunabhängig - sie kommen bei großer Hitze ebenso wie beim verhangenen Septemberhimmel - es handelt sich einfach um das Stand-By Programm meines Innenlebens. Manchmal, wenn ich 8 Stunden durchgehend jeden Trash ansehe, der im Fernsehen läuft und ich irgendwann erschöpft den roten Knopf an der Fernbedienung drücke, habe ich das Gefühl, dass mein Fernseher seufzt. So als würde er auch froh sein, ins stromfressende Stand-By geschickt zu werden.

Ebenso machts wahrscheinlich auch der Kopf. Irgendwann will er nicht mehr dieses und jenes überlegen, Einkäufe, neue Projekte, alte Feinde, gute Freunde. Er hat keine Lust mehr auf die eigene verschissene Kindheit, die wahnsinnigen Seiten der Verwandten, die Auswirkungen dessen auf die eigene Liebesfähigkeit, das Wühlen in den bekannten Neurosen. Er möchte sich nicht mehr mit Konfliktparteien auseinandersetzen, nicht mehr ans Heiraten und Kinderkriegen oder an die Karriere, das nichtexistente Eigenheim, Mauern mitten in Zimmern, an unbezahlte Rechnungen und neue Jobs denken. Er mag nimmer und stellt sich stur. Bei ganz Widerständigen schließt er eine kurze Allianz mit dem Körper und beamt sie mit 38,5 ins Bett. Bei weniger störrischen wie mir geht er einfach auf Stillstand.

Meine Antwort darauf ist meistens exzessives DVD-schauen. Alles, was man auf silberne dünne Scheiben pressen kann, wird eingelegt: Raumschiff Enterprise, Mein cooler Onkel Charlie, King of Queens, die Höllentour. Querbeet, Hauptsache die Bilder bewegen sich und man lacht hie und da. Natürlich kommt dazwischen das schlechte Gewissen durch. Tu was, mach was, aus nix wird nix, denk an Georg Büchner, der war mit 23 schon tot oder an die alte Schulfreundin, die hat eine Eigentumswohnung mit Terrasse. So wird das nix. Dann bin ich drauf und dran, mich aufzuraffen und der aufsteigenden Panik nachzugeben, an den Computer zu eilen, getrieben von Selbstvorwürfen und Ängsten. Doch dann fällt mein Blick auf meinen Freund, den armen Tropf, und das Arsenal an Tropfen und Tees und Tabletten neben ihm und ich zögere.

Nein, krank werden will ich nicht und das Unterbewusstsein ist ein Hund und allmächtig. Wenn ich nicht freiwillig Ruhe gebe, dann reicht ein SMS an die Hauptzentrale und ich wache morgen mit Fieber und dickem Hals auf. Dann lieber zurück zu Kirk und Spock und das Leben ein bisschen Adagio angehen. Die beste Freundin dazwischen besuchen, ein Tässchen Tee mit dem lieben Freund schlürfen und wieder zurück auf die Couch zu Doug und Carrie. Büchner war mit 23 schon tot. Das heißt, eigentlich hab ich ihn schon um 7 Jahre überlebt und das ist doch auch mal keine schlechte Art, die Dinge zu sehen.

Dienstag, 23. September 2008

Strechten


Gestern sind - wie James T. Kirk sagen würde - meine Triebwerke ausgefallen und ich habe die elementare Erkenntnis gewonnen, dass das Böse in unserer Galaxie die Esoterikfreaks sind samt ihren Ayurvedatees, ihren Bachblütenessenzen und ihren Nobel-Yoga-Matten. Der Ex hat einmal mit einer Freundin Schluß gemacht, weil sie ihm sagte, dass sie die Tiere lieber habe als die Menschen. Jetzt kann ich ihn verstehen, weil ich plötzlich das sadistische, radikal-dogmatische Potential all der Tierfreunde und Shiatsupraktiker sehe. Montags ist immer mein Yogakurs, ein gut gemeintes Geschenk meines Freundes zum 30er. Gute Sache, dachte ich mir, Yoga. Entspannung, Selbstfindung, Meditation. Die liebste Freundin hat mir noch zusätzlich den Mund wässrig gemacht mit ihren Erfahrungen. Sie habe sich selten so entspannt gefühlt und es sei wirklich wunderbar. Sagte sie, die Superlative nicht gerade verschwenderisch verwendet. Also nichts wie hin, hab ich mir gedacht. Den Tip für das Studio hatte ich von meiner Ex-Therapeutin, einer lebhaften Mittvierzigerin, ein bissl ausgezerrt, aber lebensfroh, die gerne zuhört und sich ebenso gern selbst reden hört, deshalb auch "Ex-"...Ich hab irgendwann nicht mehr eingesehen, warum ich meinen kargen Lohn dazu verwenden soll, um mir ihre Eheprobleme anzuhören und mich in der Position wiedergefunden, sie permanent zu bestärken, obwohl - sollte das nicht eigentlich umgekehrt...???
Vielleicht sollte man doch darauf achten, wer einem was empfiehlt, schoß mir gestern durch den Kopf. Weil die Empfehlung doch immer sehr viel über den Empfehlenden aussagt. Und meine Ex-Therapeutin wirkt mit ihren sehnigen Ärmchen nicht gerade so, als würde sie ein zweites Stück Kuchen bestellen, oder überhaupt ein Stück oder so, als wüsste sie, was Kuchen ist.
Naja. Jedenfalls war ich gestern nicht in meinem Standard-Kurs, sondern in "Basis 1", weil ich in meiner Naivität dachte, Basis bedeutet Anfänger. Kaum den Raum betreten, sollte ich eines besseren belehrt werden. Yogalehrer scheint ein Beruf zu sein, der die unterschiedlichsten Persönlichkeitsstörungen anzieht. Mein gestriger, nennen wir ihn euphemistisch "Lehrer", hat ihn sich ausgesucht, weil es wahrscheinlich zur nächsten Neonazis-Rekrutierungsstelle zu weit war an diesem Morgen.
Schon zu Beginn machte er klar, dass er die sexuellen postraumatischen Belastungsstörungen, die ihm zu schaffen machen, gerne mit uns teilen würde, indem er sie sozusagen an uns weitergibt.
Er hat seine Hose und sein Shirt ausgezogen und war praktisch nackt, nur eine enge abgeschnittene lange Unterhose bekleidete seinen, ich nenne es mal in Ermangelung von wissenschaftlich fundierten Gegenbeweisen "Körper". Das, was er uns da präsentierte, erinnert mich viel mehr an einen Cyborg, den man mit beiger Hautfarbe bemalt hatte.
Unter seiner "Hose" trug er mit Sicherheits nichts. Da baumelte doch einiges in den nächsten 90 Minuten.
Er machte gleich zu Beginn klar, dass die Würde des Menschen antastbar ist, vor allem beim Yoga, indem er uns nach der Reihe abschätzig musterte und Bemerkungen wie "Ein bissl auf die Ernährung schauen würd Dir gut tun" oder "Du bist nicht sehr leicht, da wirst ein paar Übungen aussetzen müssen" von sich gab. Dem einzigen Mann unter uns, einen IT-Spezialisten, der seinen rechten Arm ausgerenkt hatte, machte er gleich mal klar, wer hier das sagen hat, indem er ihn in die zweite Reihe verbannte. Im Folgenden kamen bösartigerweise doch einige Übungen, die den rechten Arm belasten und immer wenn es soweit war, hatte er ein spöttisches Grinsen für den armen Kerl übrig. Schon die ersten Minuten erinnerten eher an Aerobic Stunden mit einem irren Guru als Vorturner. Arme hoch, runter, atmen, atmen, atmen. Offensichtlich hatte er eine Vorliebe für das Wiederholen von Befehlen. So wie US Offiziere im Irak "schießen, schießen, schießen" brüllen, schrie er mit immer lauter werdender Stimme: "höher, höher, höher!". Als die junge Frau hinter mir bei einer Grätsche ihre Beine nicht mehr durchstrecken konnte, stellte er sich hinter sie, rieß an ihren Beinen und brüllte wie ein Wahnsinniger: "stretchen, stretchen, stretchen!". Nach wenigen Minuten hatte sich der Übungssaal im 9ten Bezirk in die strenge Kammer eines SM Cafes verwandelt. Unser "Lehrer" hielt nicht viel von Frauenrechten oder, haha, Feminismus. Frauen sind den Männern nämlich beim Yoga unterlegen, weil sie ihre linke Seite nicht im Griff haben. Also die ganze linke Körperseite, liebe Kolleginnen, ist praktisch funktionslos bei uns. Männer sind rechts eher schwach, aber, beeilte er sich hinzuzufügen, die bräuchte man bei den Übungen ohnehin nicht. Er hielt auch nichts von neumodischen Dingen wie Deodorants, konnten wir bald feststellen, denn sein Schweißgeruch breitete sich wie ein sanfter Frühlingsregen über uns allen aus. Nur noch getoppt von seinen Gasen, die er regelmässig und recht laut von sich gab. Bald umgab uns ein Nebel aus Schweiß und Fürzen, während wir grätschten, bis uns die Sehnen rissen, während er sich hinter die weniger Glücklichen stellte, an ihren Hinterteilen und Hüften zu zerren begann und uns gute Tips gab wie "ein bisschen weniger Stöckelschuhe tragen, meine Damen, Eitelkeit kostet". Schließlich war der Moment erreicht, in dem wir reif genug für seine philosophische Sicht des Yogas waren. Hechelnd und keuchend lagen wir auf unseren Matten, während er dozierend über uns stieg und ich wartete nur auf den Moment, in dem er sich direkt auf einen von uns stellen würde und ihn unter seinen Hufen zertreten wie ein unwürdiges Insekt. Beim Yoga gehe es ums Weich werden, ums dehnen, der Körper müsse aufgeweicht werden, damit der Geist folgen könne. Wenn wir es nicht im richtigen Rhythmus praktizieren würden, hätte es keinen Sinn. KEINEN SINN! Auf die schüchterne Nachfrage einer Teilnehmerin, ob es denn gar nichts nutzen würde, so fürs Wohlbefinden, wenn man die Übungen im eigenen Tempo macht, schrie er endgültig wahnsinnig los: "Keinen Sinn! Es hat keinen Sinn!" Dabei blitzten seine Augen, seine Zunge hing ihm aus Mund und ich dachte nur panisch: Beim nächsten Anfall gehen wir alle drauf!
Als die Stunde zu Ende war, wollte ich am liebsten vor Ekel und Erschöpfung erbrechen und ich bin mir nicht sicher, ob eine der Kolleginnen es nicht unten vor der Tür getan hat. Ich bin auf die Strasse gewankt, konnte mich kaum aufrecht halten und hatte das Gefühl, ähnlich wie Captain Kirk, dem Bösen ins Gesicht geblickt zu haben. Doch ich tröstete mich schnell durch einen Blick auf eine TV Programmzeitschrift. Solang es noch Menschen wie Barbara Wussow und Albert Fortell gibt, hat der Teufel keine Chance auf Erden. Auch nicht, wenn er sich in einem Yogastudio verschanzt.